Vibe Coding ist heute nicht nur ein Softwareproblem. Es ist auch ein Produkt- und Verantwortungsproblem.

Über Jahrzehnte hinweg hatte «eine App-Idee zu haben» zwei eingebaute Bremsen. Die eine war technischer Natur: Man brauchte jemanden, der sie tatsächlich umsetzen konnte. Die andere war sozial: Man musste diese Person (oder ein Team) davon überzeugen, dass die Idee ihre Zeit wert ist. Viele schlechte Ideen sind genau dort gestorben – nicht weil Programmierer Bösewichte sind, sondern weil die Realität irgendwann den Raum betritt.

KI hat diese Bremsen entfernt. Heute kann fast jeder etwas veröffentlichen, das wie ein echtes Produkt aussieht. Das ist enorm mächtig. Es schafft aber auch einen neuen Fehlermodus: Menschen können schneller umsetzen, als sie denken.

Ich sehe das ständig, besonders bei Indie-Launches und Reddit-artigen «just built this»-Posts. Die App funktioniert oft. Das UI ist ordentlich. Der Pitch klingt selbstbewusst. Und dann schaut man auf die Grundlagen und merkt: Niemand hat die eigentliche unternehmerische Arbeit gemacht.

Für wen ist das genau? Welches Problem löst es besser als bestehende Lösungen? Was ist der reale Mehrwert – nicht der eingebildete? Welche Risiken entstehen, wenn es versagt? Welches Preismodell passt zur Kategorie? Wie sieht die rechtliche und ethische Angriffsfläche aus? Was passiert, wenn man von «cooler Demo» zu «Menschen verlassen sich darauf» skaliert?

Ein aktuelles Beispiel hat das deutlich gemacht: Ein Ersthelfer hat ein simples Notfall-Tool gebaut, das schnell den eigenen Standort anzeigt. Das Problem ist real. Die Lösung ist plausibel. Und dann kam die Monetarisierung: ein monatliches Abonnement.

Notfallnahe Tools leben von Vertrauen und Verfügbarkeit. Abonnements führen in dieser Kategorie den denkbar schlechtesten Fehlermodus ein: Zahlungsprobleme, abgelaufene Karten, Account-Schwierigkeiten oder sogar Software-Bugs können die App genau dann sperren oder unzuverlässig machen, wenn sie gebraucht wird.

Hier wird Vibe Coding gefährlich – nicht weil der Code automatisch schlecht ist, sondern weil das Produkturteil fehlt. Pricing ist kein Bezahl-Button. Es ist Teil des mentalen Modells der Nutzer. Eine Spende sagt: «Unterstütze das, weil du glaubst, dass es existieren sollte.» Ein Abo sagt: «Verpflichte dich dauerhaft oder verliere den Zugang.» In Kategorien, bei denen Menschen hoffen, das Produkt nie zu brauchen, wirken Abos irrational. Gleichzeitig vertreibt man genau die Leute, die freiwillig unterstützt hätten, weil man aus Wohlwollen eine Verpflichtung macht. Und nicht zuletzt: Menschen dort zu helfen, wo es wirklich zählt, sollte niemals kommerzialisiert werden.

Ein Produkt zu entwickeln war noch nie nur eine Frage der Umsetzung. Man braucht auch den richtigen Unternehmergeist.

Man braucht weiterhin Produktdenken. Man braucht Marketingdisziplin (Zielgruppe, Positionierung, Zahlungsbereitschaft). Man braucht Design Thinking und UX, die auch unter Stress funktioniert. Man braucht QA und Failure-Mode-Analyse. Man braucht Sicherheits- und Datenschutzbewusstsein. Und ja, man braucht rechtliches Verständnis – denn sobald man suggeriert «das hilft im Notfall», bewegt man sich auf einem völlig anderen Spielfeld.

KI lässt dich schneller bauen. Sie verleiht dir aber nicht automatisch guten Geschmack, Urteilskraft oder Verantwortungsbewusstsein.